Weihnachten

Nick 

Damals 

Der Baum steht schief, so schief, dass ich jedes Mal kurz innehalte, wenn mein Blick an ihm hängen bleibt. Chris hat behauptet, das müsse so sein, sonst sehe er „gestellt“ aus. Ich glaube ihm nicht, sage aber nichts, weil Diskussionen über Weihnachtsbäume selten zu irgendetwas führen und weil ich gelernt habe, dass Schweigen manchmal die einfachere Form von Frieden ist.

Das letzte Mal, dass wir einen Baum hatten, lebte meine Mutter noch. Sie liebte Weihnachten mit einer Intensität, die keinen Zweifel duldete. Schon im Oktober begann sie mit den Vorbereitungen, als wäre der Dezember ein Projekt, das man nicht früh genug angehen konnte. Last Christmas lief fast täglich, manchmal morgens, manchmal abends, manchmal einfach durchgehend, und mein Vater wurde davon zuverlässig in den Wahnsinn getrieben. Es hatte etwas unfreiwillig Komisches, wie er ab dem ersten Tag nach Halloween mit Schallschutzkopfhörern durch die Wohnung lief, als müsste er sich vor etwas schützen, das ihn unweigerlich einholen würde. Typisch amerikanisch eigentlich, dieses abrupte Umschalten von Pumpkin Spice zu Christmas Eve. Ohne Übergang. Ohne Atempause. Nach ihrem Tod hat er die Kisten vom Dachboden nie wieder heruntergeholt.

Ich stehe mit einem Bier in der Hand am Fenster und beobachte, wie sich das Licht der Lichterkette im Glas spiegelt, verzerrt und doch vertraut. Draußen liegt zum ersten Mal seit Jahren wieder Schnee, als hätte sich jemand erinnert, wie es früher einmal war. Drinnen riecht es nach Zimt, nach Tannennadeln und nach diesem einen Parfum, das nur sie trägt und das den Raum sofort verändert, ohne sich aufzudrängen.

Familie Winter hat mich eingeladen, und ich muss mich zusammenreißen, um nicht ständig daran zu denken, wie wenig selbstverständlich das alles für mich ist. Eigentlich waren mein Vater und ich verabredet, um einen Actionfilm zu schauen und dabei Pizza zu essen. Aber er ist über die Feiertage für einen Job nach New York geflogen, und ich wäre in meiner Wohnung allein gewesen. Chris hätte das niemals zugelassen. Er hat es mitbekommen, wahrscheinlich schneller als mir lieb war, und plötzlich war ich Teil seines Plans, ob ich wollte oder nicht.

Ich habe für jeden ein Geschenk, auch wenn es nichts Großes ist. Nicht aus besonderer Großzügigkeit, eher aus dem Bedürfnis heraus, mir keine Blöße zu geben, falls mir selbst etwas überreicht wird. Geben fühlt sich kontrollierbarer an als Nehmen.

Liv sitzt auf dem Teppich, die Beine angezogen, ein Bildband auf dem Schoß, und starrt auf die Impressionisten, als würde sie tatsächlich vergessen, dass um sie herum ein Wohnzimmer existiert. Ihr Pullover rutscht ihr von der Schulter, nichts Absichtliches, sondern einfach eine dieser beiläufigen Bewegungen.

Als sie hochschaut und sich unsere Blicke treffen, ist für einen Moment alles andere unwichtig. Der schiefe Baum, die Musik im Hintergrund, Chris, der direkt neben ihr sitzt und nichts bemerkt.

Es knistert.

Ich kenne diesen Blick von ihr, dieses kurze Innehalten, als würde ein Gedanke aufblitzen, der sofort wieder eingefangen wird. Gleich wird sie den Modus wechseln, wird mich aufziehen, etwas sagen, das Distanz schafft und uns beide zurück auf sicheren Boden bringt. Ich schmunzle, vielleicht aus Gewohnheit, vielleicht aus Selbstschutz.

Chris lacht über irgendetwas, das sein Vater gesagt hat, und sagt dann meinen Namen. Ich nicke automatisch, obwohl ich nicht weiß, worum es ging. Im Fenster sehe ich Livs Spiegelbild, sehe, wie sie mich beobachtet, und ich weiß, dass sie merkt, dass mein Blick längst nicht mehr dort ist, wo er sein sollte.

Sie steht auf und kommt zu mir, um noch ein Glas aus der Küche zu holen. Unsere Schultern streifen sich, kaum spürbar, ein Kontakt, der eigentlich nichts bedeuten dürfte. Ich rieche ihr Haar und hasse mich ein bisschen dafür, wie viel das in mir auslöst.

„Alles okay?“ fragt sie, und ihre Stimme ist ruhig, fast zu ruhig.

„Ja“, sage ich, und weiß im selben Moment, dass es eine Lüge ist. Keine besonders gute.

Sie bleibt stehen, näher als nötig. Ich sehe ihre Lippen, sehe, wie sie kurz die Luft anhält, und mein Blick bleibt an ihr hängen, als gäbe es keinen einfachen Weg mehr zurück. Ich weiß, dass ich jetzt wegsehen müsste, sofort, ohne zu zögern. Ich weiß auch, dass Chris im Wohnzimmer sitzt, uns im Rücken, nichtsahnend.

Aber ich kann es nicht.

In meinem Kopf laufen zu viele Gedanken gleichzeitig, stoßen aneinander, widersprechen sich. Loyalität. Schuld. Begehren. Und dieser verdammte Wunsch, dass sie mich genauso ansieht, wie ich sie ansehe. Ich mache einen Schritt zurück, zu spät, um das Kribbeln verschwinden zu lassen, früh genug, um hoffentlich nichts zu verraten. Ihr Blick folgt mir, verletzt, überrascht, vielleicht auch erleichtert. Ich kann es nicht lesen, und genau das macht es schlimmer.

„Frohe Weihnachten“, sagt Chris plötzlich fröhlich und hebt sein Glas. Wir drehen uns zu ihnen und stoßen an. Fünf Gläser. Fünf Menschen. Zwei Wahrheiten, die nicht zusammenpassen.

„Nick“, sagt Chris’ Mutter plötzlich und lehnt sich ein Stück nach vorne, als hätte sie sich diese Frage bewusst aufgehoben, „du bist doch Musiker, oder?“

Ich nicke. Zu höflich, zu geübt.

„Dann erklär mir doch bitte“, fährt sie fort und wirft ihrem Mann diesen Blick zu, der alles und nichts sagt, „warum junge Männer selbst an Weihnachten aussehen, als würden sie gleich ein Staatsgeheimnis verraten.“

„Ich sehe gar nicht so aus“, sage ich.

„Doch“, sagt sie ruhig. „Du siehst aus wie mein Mann früher, kurz bevor er beschlossen hat, Bürgermeister zu werden.“

Chris’ Vater hebt langsam den Kopf. „Das war eine sehr vernünftige Entscheidung.“

„Das war eine Flucht“, sagt sie freundlich. „Andere Männer kaufen sich Motorräder, du hast dir ein Amt zugelegt.“

Liv lacht, kurz und überrascht, und für einen Moment verschiebt sich etwas im Raum.

„Ich finde ja“, fährt Chris’ Mutter fort, „dass Männer ruhig öfter so schauen dürfen. Dann weiß man wenigstens, dass sie denken.“

„Danke“, sage ich. „Glaube ich.“

„Nimm es als Kompliment“, sagt sie. „Menschen, die immer alles im Griff haben, machen mir Angst.“

Chris räuspert sich. „Redest du von Papa oder von Nick?“

„Ich rede von Weihnachten“, sagt sie und lächelt. „Da kommen solche Dinge hoch.“

Chris’ Vater nickt bedächtig. „Das stimmt. Weihnachten ist emotional anspruchsvoll.“

„Du meinst anstrengend“, sagt sie.

„Beides“, sagt er. „Ich trage Verantwortung.“

„Auch für den Baum?“ fragt sie und deutet mit dem Glas.

Er schaut zum Baum, neigt den Kopf minimal. „Der steht schief.“

„Absichtlich“, sagt Chris sofort.

„Natürlich“, sagt sein Vater. „Man muss ja nicht alles korrigieren.“

Ich trinke einen Schluck und sehe noch einmal zu Liv, nur ganz kurz, gerade lang genug, um mir sicher zu sein, dass sie noch da ist.

„Gibt es jetzt Bescherung? Das Essen haben wir ja hinter uns“, sagt sie nonchalant, so, als hätte sie nicht die ganze Zeit auf ein bestimmtes Geschenk gestarrt.

„Du willst doch nur wissen, ob du den Eiskratzer vom letzten Jahr überbieten kannst“, sagt Chris grinsend. Die beiden haben so eine Art Tradition entwickelt, sich eher Schrott zu schenken als wirklich das, was der andere sich wünscht.

Ich habe in der letzten Woche die halbe Stadt abgesucht, weil ich ihr etwas schenken wollte, das von Herzen kommt, ohne aufzufallen. Mehr als einmal war ich mir nicht sicher, ob ich ihr überhaupt etwas schenken sollte. Dann bin ich in diesen Laden geraten, unscheinbar, in einer Seitenstraße, kaum Schaufenster, überall Papier, Staub, alte Bücher. Ein Ort, den man nicht betritt, weil man sucht, sondern weil man hingetrieben wird. Ein alter Mann saß hinter einem Schreibtisch und ignorierte mich konsequent, wahrscheinlich weil ich nicht wie sein typischer Kunde aussah. Abgewetzte Jeans, Boots, eher Straßenhund als Antiquariatskäufer. Das Etui lag in einer Kiste, zwischen Linealen und vergessenen Dingen. Dunkles Leder, an den Kanten abgenutzt, keine Marke mehr sichtbar. Ich habe es schlicht eingepackt, ohne Schleife, weil meine Fähigkeiten dafür nicht weiter reichten.

Jetzt sitzt Liv mir gegenüber, und ihr Geschenk, ein schwarzes kleines Notizbuch, liegt noch in meinen Händen. Es ist schwerer, als ich erwartet habe. Ich schlage es nicht auf, tue so, als wäre das Papier egal, obwohl es das ganz und gar nicht ist.

„Deins“, sage ich und schiebe ihr das kleine Päckchen hin, nicht feierlich, eher vorsichtig.

Sie zieht das Papier langsam ab, als wolle sie den Moment dehnen. Das Etui kommt zum Vorschein, sie nimmt es in die Hand, dreht es, fährt mit dem Daumen über eine abgeschabte Stelle, und ihre Finger bleiben einen Moment zu lange dort.

Sie sagt nichts.

Im Raum wird weitergeredet, Gläser klirren, Frau Winter lacht, aber zwischen uns ist es still, nicht unangenehm, eher gespannt.

„Es ist nicht neu“, sage ich schließlich, ohne mich zu entschuldigen, mehr als Hinweis denn als Erklärung.

Liv schaut direkt zu mir. „Das ist gut“, sagt sie.

Sie öffnet den Reißverschluss nur ein Stück, schließt ihn wieder, als hätte sie geprüft, ob es echt ist oder ob sie es behalten darf.

„Da ist was drauf“, sagt sie dann und hält es ins Licht. Eine Lilie, dezent ins Leder geprägt, so unauffällig, dass man sie fast übersehen könnte.

„Ich dachte, das gehört da hin“, sage ich, mehr Erklärung habe ich nicht.

Liv nickt, nicht zustimmend, sondern erkennend. „Ja“, sagt sie. „Tut es.“

„Danke“, fügt sie leise hinzu.

Ich nicke, vielleicht zu schnell.

Sie legt das Etui neben sich, nicht zu den anderen Geschenken, ein wenig abseits, als hätte es dort seinen eigenen Platz.

Unsere Blicke treffen sich noch einmal. Kurz.

„Na bitte“, sagt Chris plötzlich und lehnt sich zurück, als würde er eine Bilanz ziehen. „Das ging ja heute erstaunlich gesittet.“

Er sieht erst mich an, dann Liv, dann wieder mich, mit diesem schiefen Grinsen, das immer dann auftaucht, wenn er glaubt, etwas erkannt zu haben, ohne es wirklich greifen zu können.

„Ich hatte kurz Sorge, ihr zerfleischt euch noch vor der Bescherung“, fügt er hinzu, locker, fast beiläufig. „Aber Weihnachten scheint deeskalierend zu wirken.“

Er lacht über seinen eigenen Satz, zufrieden, als hätte er genau den richtigen Ton getroffen und ich lache mit.

Liv sagt nichts. Sie greift nach ihrem Glas, nimmt einen Schluck und stellt es wieder ab, als müsste sie etwas ordnen, das nichts mit dem Wein zu tun hat.

Chris merkt nichts. Natürlich nicht.

Seine Mutter schüttelt den Kopf und sagt etwas von „Männern“ und „Beobachtungsgabe“, sein Vater nickt vage, der Baum steht weiter schief.

Und ich sitze da und denke, dass es manchmal genau diese Sätze sind, die alles verraten, ohne etwas aufzudecken. Aber ich weiß, dass dieses Weihnachten ein Teil meiner Erinnerung bleiben wird.

Frohe Weihnachten an euch alle ♥️